| Über den Einfluss des Korsetts auf die somatischen Verhältnisse / Seite 2 |
Zunächst ein Wort über das Material. Auch diesbezüglich sind diese Untersuchungen nicht ganz einfach. Ehe man Veränderungen studiert, muß man die Norm studieren und da beginnt eben bereits die Kalamität. Denn selbst die Mädchen der arbeitenden Klassen umgürten bei uns ihre Lenden mit dem Mieder so frühzeitig, so oft und so lange, als es nur angeht, und zwar gerade in jener Lebensperiode, in welcher Skelett und Weichteile besonders leicht modellierbar sind und das Wachstum nichts weniger als abgeschlossen ist. Es wird daher von vorneherein nur in seltenen Ausnahmefällen gelingen, bei erwachsenen Mädchen somatische Verhältnisse zu finden, die nicht bereits unter dem Einflusse des Mieders gelitten haben. Die zweite und Hauptschwierigkeit liegt aber darin, daß sich gesunde weibliche Personen begreiflicherweise nur selten dazu verstehen werden, alle nötigen Messungen und Aufnahmen, die überdies sehr ermüdend sind, an sich vornehmen zu lassen. Man ist daher fast ausschließlich auf die Verwendung von Berufsmodellen angewiesen. Diese Mädchen haben ebenfalls nahezu ausnahmslos Korsett getragen und das Miedertragen erst beim Eintritt in ihren letzten Beruf entweder dauernd oder doch fast gänzlich aufgegeben.
Da es sich mir aber nicht um Anstellung umfangreicher Sammelforschung über die Charaktere der unveränderten weiblichen Formen handelte, sondern nur um die Immediatwirkung des Korsetts, so hatte dieser Übelstand wenig Belang. Bei vergleichsweiser Heranziehung der analogen Verhältnisse vor Eintritt der Pubertät bei Individuen, die noch kein Mieder getragen haben, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit erkennen, was der Miederwirkung zuzuschreiben ist.
Wir haben die verschiedensten Korsetts untersucht. Von der bereits erwähnten Schnürbrust Sömmerings angefangen bis auf unsere Tage, bis auf die letzte Pariser Création, die den bezeichnenden Namen "La Sylphide" führt, hat die Form des Korsetts wohl in Kleinigkeiten gewechselt, ist aber im Prinzipe gleich geblieben. Der hoch hinaufreichende Küraß, die niedere Ceinture, das tiefe Mieder, das auch die Hüften und einen Teil des Gesäßes komprimiert, alle haben nur einen Zweck: die Erzeugung der Taille. Das heutige Korsett reicht an die Brüste kaum heran, wir können daher die früher wohl auch beabsichtigte Hebung oder Unterstützung der Brüste auch nach einer Mammaaugmentation aus dem Bereiche der Erörterung lassen.
Die Taille, die Erzeugung einer zirkulären Einschnürung ist heute der Endzweck.
Wir haben gefunden, daß die Definition des Begriffes Taille ziemlich kontrovers ist. Wenn man eine Beschreibung der Taille geben soll, wie sie sich, nehmen wir an, unsere Frauen vorstellen, so gehört zu deren Begriff die allmähliche Verengerung des Brustkorbes von der Schulterhöhe bis etwa handbreit unter die Mitte des Sternums und die ebenso allmähliche Verbreiterung von hier gegen die Hüften zu. Die Taille unserer Frauen findet somit ihren Ausdruck einerseits in einer horizontalen Linie des kleinsten Leibesumfanges, anderseits in dem Taillendreieck, das in der Frontansicht beiderseits tief einspringt und dessen Spitze in dieser horizontalen Umfangslinie liegt.
Das dritte Erfordernis einer modernen Taille ist die Erzeugung einer gehörigen Ausbiegung in der Lendengegend, die Lendenlordose. Darin unterscheidet sich die moderne Taille von jener aus der Zeit Sömmerings.
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